Eine Führung durch das weitläufige Gelände der Dachziegelfabrik in Langenzenn beginnt in der Regel mit einem langen Fußmarsch in Sicherheitsschuhen. Doch als am Mittwoch Landrat Bernd Obst und Langenzenns Erster Bürgermeister Christian Ell bei der Jacobi Tonwerke GmbH eintrafen, erlebten sie zunächst eine digitale Premiere: Um das 22 Hektar große Werksgelände in der knapp bemessenen Zeit überhaupt greifbar zu machen, startete die Besichtigung mit einem eigens produzierten Drohnenflug. Geschäftsführer Günther Reese gab augenzwinkernd zu, dass der straffe Zeitplan der Politiker im Vorfeld im Unternehmen für leichte Panik gesorgt habe – und letztlich der kreative Auslöser für diesen neuen Weg der Präsentation war, der die komplexen Abläufe anschaulich zusammenfasste.
Nach dem virtuellen Überflug ging es für die Delegation ans Eingemachte. Jacobi ist seit der Schließung des benachbarten Werks im Jahr 2019 der letzte verbliebene Hersteller von Tondachziegeln im fränkischen Raum. Während Konzernstrukturen in schweren Zeiten oft schnell den Stecker ziehen, beweist das seit 165 Jahren familiengeführte Unternehmen enorme Standhaftigkeit. Dominik Jung, der als Vertreter der Eigentümerfamilie ebenfalls anwesend war, verkörpert diese tiefe Verwurzelung und die Leidenschaft für den Standort, der unzähligen Mitarbeitern einen regionalen Arbeitsplatz bietet.

Trotz dieser Tradition verhehlte die Geschäftsführung beim Rundgang nicht, dass die wirtschaftliche Großwetterlage aktuell stürmisch ist. Die Branche befindet sich nach guten Jahren in einer spürbaren Krise, die Baukonjunktur – insbesondere im für Jacobi so wichtigen Wohnungsbau und der energetischen Sanierung – ist massiv eingebrochen. Ursächlich dafür sei nicht zuletzt die anhaltende Verunsicherung vieler Bauherren in Deutschland. Ein Lichtblick ist hingegen das Exportgeschäft: Auslandsmärkte in Dänemark, den Niederlanden oder Österreich erholen sich derzeit mit einer ungleich höheren Dynamik.
Die Kunst des Kuchenbackens im Industrieofen Ein Höhepunkt des Termins war der Einblick in die Produktionstechniken, die von Werkleiter Bernd Zimmermann wurden. Den komplexen Brennvorgang bei 1000 Grad Celsius erklärte das Team mit einem charmanten Vergleich: Ein Dachziegel müsse in dem 100 Meter langen Industrieofen an jeder Stelle exakt die gleichen Temperaturbedingungen vorfinden – ganz so, wie ein Kuchen im heimischen Backrohr durch die perfekte Ober- und Unterhitze gleichmäßig durchbacken soll. Besonders bekannt ist der Standort Langenzenn als Spezialist für Biberschwanzziegel und anspruchsvolle Dachlösungen, die sowohl im Neubau als auch in der Sanierung und Denkmalpflege eingesetzt werden.
Die für die Produktion benötigte enorme Hitze stellt den Traditionsbetrieb in Zeiten der Energiewende vor gewaltige technologische Aufgaben. Elektrischer Strom allein reicht nicht aus, um die riesigen Öfen auf Betriebstemperatur zu bringen. Aktuell ist das Werk auf Erdgas angewiesen. Perspektivisch setzt das Unternehmen auf grünen Wasserstoff als Lösung. Dass dieser Wechsel jedoch kein einfacher Schalterumschlag ist, wurde beim Vor-Ort-Termin unmissverständlich klar: Ein neuer Energieträger verändert das gesamte Klima im Ofen gravierend und erfordert künftig immense Investitionen, um die bewährte Produktqualität beim Brennen zu halten.
Trotz dieser großen Herausforderungen nimmt das Unternehmen seine ökologische Verantwortung auf dem eigenen Werksgelände spürbar ernst. Neben der Installation erster eigener Solaranlagen spielt die sorgfältige Rekultivierung der ehemaligen Abbauflächen eine zentrale Rolle im Betriebsalltag. Das Gelände bietet inzwischen wertvolle Biotope und neue Lebensräume für Vögel und Amphibien. Für Landrat Obst und Bürgermeister Ell lieferte dieser ungefilterte Blick hinter die Kulissen genau den Mehrwert, den solche Besuche haben sollen: Ein realistisches Bild der Lage, um im ständigen Austausch zwischen Kommunalpolitik und Mittelstand bestmögliche Rahmenbedingungen für die heimische Wirtschaft zu bewahren, wie es vor Ort hieß. An dem Rundgang nahmen auch Maike-Müller Klier, Leiterin der IHK-Geschäftsstelle in Fürth, Thomas Dippold von der Agentur für Arbeit und Joanna Bacik vom Regionalmanagement des Landkreises teil.
28.4°C | Überwiegend bewölkt 
