In Seukendorf nimmt die Auseinandersetzung um den geplanten REWE-Neubau Fahrt auf. Wenige Wochen vor dem Bürgerentscheid am 15. November 2026 wirbt die örtliche Senioren-Union mit Plakaten und einer eigenen Internetseite für den neuen Lebensmittelmarkt an der Alten B8. Wie unterschiedlich die Positionen sind, zeigte sich bei einer gut besuchten Bürgerinformationsveranstaltung am Montagabend. Dort trafen die Argumente der Gegner auf die Einschätzungen von Bürgermeister Sebastian Rocholl, der die Bedeutung einer langfristigen Nahversorgung hervorhob.
Seit rund vier Jahren beschäftigt das Vorhaben die Gemeinde. Der bestehende REWE-Markt im Gewerbegebiet am Seukenbach soll durch einen Neubau am südlichen Ortsrand ersetzt werden. Vorgesehen ist ein Lebensmittelmarkt mit rund 1.200 Quadratmetern Verkaufsfläche am sogenannten «Ohrwaschl», dem Kreisverkehr zwischen der Alten B8 und der Staatsstraße 2409. Auch ein Café, ein Getränkemarkt und ein Sparkassenangebot gehören zu den Planungen.
Unter dem Motto «Ein Markt. Mehr Leben vor Ort.» setzt sich die Senioren-Union Seukendorf für das Vorhaben ein. Auf einem Banner am Straßenrand ist in großen Buchstaben die Aufforderung «NEIN beim Bürgerentscheid» zu lesen. Ergänzend informiert die Vereinigung auf der Internetseite nahversorgung-seukendorf.de über ihre Argumente. Im Mittelpunkt steht die Sorge, dass die Nahversorgung langfristig nicht gesichert werden könne, sollte der Neubau scheitern.
Marga Hetzner und Otto Hegendörfer vertreten diese Position auch in einem öffentlichen Beitrag in den sozialen Medien. Darin verweisen sie auf eine Mitteilung von REWE, wonach der bestehende Markt ohne einen Neubau ersatzlos geschlossen werden solle.
Wie weit die Meinungen auseinandergehen, wurde im gut besuchten Katharinensaal des Seukendorfer Gemeindehauses deutlich. Bürgermeister Sebastian Rocholl hatte im Namen der Gemeinde zu einer Informationsveranstaltung eingeladen. Er sprach von einem «hochemotionalen Thema» und gab zunächst den Vertretern des Bürgerbegehrens Gelegenheit, ihre Argumente vorzutragen.
Rita Erhardt und Lothar Wagner verwiesen darauf, dass es nach ihren Angaben im Umkreis von neun Kilometern bereits 22 Supermärkte gebe. Sie kritisierten die geplante zusätzliche Bodenversiegelung und die Auswirkungen auf das Ortsbild. Auch die Verkehrsbelastung sei schon jetzt hoch und dürfe nicht weiter steigen. Ihr Urteil über das Vorhaben: «Klimaschutz sieht anders aus.»
Rocholl widersprach insbesondere der Einschätzung zur Nahversorgung. Entscheidend sei nicht allein die Zahl der Supermärkte in der Umgebung, sondern die Sicherstellung einer ortsnahen Versorgung. Diese trage auch zur Attraktivität Seukendorfs für junge Familien bei. Die Gemeinde habe verschiedene Standorte geprüft. Für den geplanten REWE-Neubau komme nach seiner Darstellung jedoch nur die Fläche am Kreisverkehr infrage.
Zudem verwies der Bürgermeister auf mögliche Folgen für das Sparkassenangebot im Ort. Dessen Fortbestand sei ebenfalls fraglich, falls REWE nicht an den vorgesehenen Standort umziehen könne.
Besonders umstritten sind die möglichen Auswirkungen auf die Umwelt. Der Neubau würde bislang unbebaute Flächen beanspruchen und zusätzliche Bodenversiegelung verursachen. Die Senioren-Union verweist auf geplante Ausgleichsmaßnahmen, darunter 23 neue Bäume auf dem Parkplatz, weitere Grünflächen und eine Photovoltaikanlage. Auch der Büggraben soll überwiegend offen bleiben. Vorgesehen sei außerdem eine Regenrückhaltung, um bei starken Niederschlägen Wasser zwischenzuspeichern und den Abfluss zu verlangsamen.
Bei der Informationsveranstaltung erklärte Rocholl, der Erhalt der Pappeln entlang der Alten B8 sei über entsprechende Auflagen geregelt. Auch die Lieferzeiten würden begrenzt. Zudem seien Ausgleichsflächen und ein Regenrückhaltebecken vorgesehen, dessen Finanzierung REWE übernehmen solle.
Die Verkehrsbelastung bleibt ein weiterer Streitpunkt. Nach Darstellung der Senioren-Union wird ein Teil der künftigen Einkaufsfahrten lediglich vom bisherigen Markt zum neuen Standort verlagert. Die Vereinigung widerspricht deshalb der Annahme, sämtliche für den Neubau prognostizierten Fahrten kämen als zusätzlicher Verkehr am Kreisverkehr hinzu. Außerdem sollen zusätzliche Fuß- und Radwege sowie eine weitere Querungsmöglichkeit entstehen. Eine Vergrößerung des Kreisverkehrs sei nicht vorgesehen.
In der Diskussion im Gemeindehaus ging es zudem um die wirtschaftliche Zukunft des bisherigen Marktes. Dieser wird als sogenannter Regiemarkt unmittelbar von REWE betrieben und nicht von einem selbstständigen Kaufmann geführt. Nach den bei der Veranstaltung vorgetragenen Einschätzungen bestehen deshalb nur begrenzte Möglichkeiten, den bisherigen Standort unabhängig von den Entscheidungen des Unternehmens weiterzuführen.
Für den Neubau wurde dagegen die Möglichkeit angesprochen, dass ein selbstständiger Kaufmann den Markt übernehmen könnte. Ein solcher Betreiber hätte nach Einschätzung der Befürworter möglicherweise mehr Spielraum bei der Gestaltung des Angebots und der örtlichen Ausrichtung.
Eine differenzierte Haltung nimmt der Ortsverband von Bündnis 90/Die Grünen in Seukendorf und Hiltmannsdorf ein. In einer Stellungnahme sehen die Grünen in dem geplanten Markt trotz Bedenken wegen der zusätzlichen Flächenversiegelung eine Chance für die Nahversorgung und das Gemeindeleben. Voraussetzung sei allerdings, dass ökologische Zusagen, insbesondere zum Baumerhalt und zur Photovoltaikanlage, verbindlich eingehalten werden.
Die grüne Gemeinderätin Afrodita Lüpke lehnt das Vorhaben dagegen ab. Sie erkennt zwar die Bedeutung eines Lebensmittelmarktes insbesondere für ältere Menschen an, gewichtet den Erhalt unversiegelter Flächen jedoch höher. Aus ihrer Sicht sollte der Boden als Beitrag zum Klimaschutz auch für kommende Generationen erhalten bleiben.
Die Abstimmungsfrage beim Bürgerentscheid ist negativ formuliert. Gefragt wird, ob die Ansiedlung und der Bau eines Lebensmittelmarktes am vorgesehenen Standort nicht realisiert werden sollen. Wer mit «Ja» stimmt, unterstützt somit die Forderung, den Neubau zu verhindern. Ein «Nein» richtet sich gegen diese Forderung und hält die bisherigen Planungen grundsätzlich offen. Damit wäre der Markt allerdings noch nicht automatisch genehmigt.
Das Bürgerbegehren gegen den Neubau hatte 390 Unterschriften erhalten, von denen 360 gültig waren. Damit wurde die erforderliche Zahl von 261 Unterstützern überschritten. Der Gemeinderat erklärte das Begehren Anfang September für zulässig und setzte den Bürgerentscheid auf den 15. November fest. Die Abstimmung wird die Gemeinde voraussichtlich rund 20.000 Euro kosten.

