Als eine Achtklässlerin ihm erklärte, dass sie nicht lesen könne, begann für Siegbert Rudolph aus Oberasbach eine Aufgabe, die ihn bis heute beschäftigt. Der ehemalige DATEV-Vorstand wollte sich nach 47 Berufsjahren im Ruhestand ehrenamtlich engagieren. Er entwickelte ein eigenes Konzept zur Leseförderung. Unter dem Namen «Der Lesekoch» stellt er inzwischen Hunderte Übungen kostenlos im Internet zur Verfügung. Sein Ziel ist es, Kindern zu helfen, die Schwierigkeiten beim Lesen und Rechtschreiben haben.
Der Ausgangspunkt war ein Bewerbungstraining an einer Mittelschule, das Rudolph über die AktivSenioren Bayern übernommen hatte. Dort begegnete er der Schülerin, die ihm ihre Probleme beim Lesen schilderte. Er begann mit ihr ganz von vorne, mit einfachen Silben wie «ma, me, mi, mo, mu». Schritt für Schritt machte das Mädchen Fortschritte. Seiner Schilderung zufolge bestand sie später den schriftlichen Einstellungstest eines großen Unternehmens, absolvierte eine Ausbildung zur Mechatronikerin und studierte anschließend Design.
Die Erfahrung brachte Rudolph dazu, sich intensiver mit der Leseförderung zu beschäftigen. Heute umfasst sein kostenloses Angebot nach eigenen Angaben rund 750 Übungen, die er während 16 Jahren ehrenamtlicher Arbeit mit mehr als 100 Schülern entwickelt hat. Die Materialien stehen auf seiner Internetseite zur Verfügung und richten sich an Kinder unterschiedlicher Klassenstufen und Schularten.
Das Konzept setzt auf überschaubare Aufgaben, zahlreiche Wiederholungen und Erfolgserlebnisse. Die Übungen werden am Computer bearbeitet und können an den jeweiligen Lernstand angepasst werden. Neben einfachen Silben und Wortübungen kommen auch Witze zum Einsatz, mit denen die Kinder zugleich ihr Textverständnis trainieren können.
«Lesen lernt man nur durch Lesen», sagt Rudolph. Häufig fehle es Kindern an ausreichender Übung. Wer wiederholt Misserfolge erlebe, verliere zudem die Motivation und versuche, das Lesen möglichst zu vermeiden.
Ute Eberlein vom Präventionsverein 1-2-3, mit dem Rudolph seit 2012 zusammenarbeitet, betont die Bedeutung einer gezielten Förderung. Nicht jedes Kind habe dieselben Schwierigkeiten. Während manche nur langsam und stockend lesen, erraten andere ganze Wörter oder können den Inhalt eines Textes nicht richtig erfassen.
Entscheidend sei deshalb, die jeweiligen Probleme zu erkennen und die Übungen darauf abzustimmen. Auch das Bayerische Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung nennt solche Auffälligkeiten als mögliche Hinweise auf Schwierigkeiten beim Lesenlernen. Einzelne Anzeichen bedeuteten allerdings nicht automatisch, dass eine Lese-Rechtschreib-Störung vorliege.
Eltern können nach Einschätzung der beiden Fachleute selbst viel zur Förderung beitragen. Wichtig seien kurze, regelmäßige Übungseinheiten, Geduld und eine positive Atmosphäre. Druck oder Zwang könnten dagegen die ohnehin vorhandene Abneigung gegen das Lesen verstärken.
Rudolph bietet Eltern bei Bedarf auch eine Online-Anleitung an, damit sie die Übungen gemeinsam mit ihren Kindern durchführen können. Dabei gehe es nicht darum, möglichst schnell große Fortschritte zu erzielen. Vielmehr sollten die Aufgaben so gestaltet sein, dass die Kinder sie bewältigen und dadurch neues Selbstvertrauen entwickeln können.
Bleiben Verbesserungen trotz regelmäßiger Unterstützung aus, empfiehlt Eberlein eine weiterführende Diagnostik. Bei einer festgestellten Lese-Rechtschreib-Störung kommen in Bayern unter bestimmten Voraussetzungen schulische Hilfen wie Nachteilsausgleich oder Notenschutz infrage. Dazu gehören beispielsweise mehr Bearbeitungszeit bei Prüfungen oder besondere Regelungen zur Bewertung der Rechtschreibleistung. Voraussetzung ist grundsätzlich ein entsprechender Antrag; zum Nachweis der Störung dient eine schulpsychologische Stellungnahme. Die Maßnahmen ersetzen jedoch keine gezielte Förderung.
Wie wichtig die Förderung grundlegender Lesefähigkeiten ist, zeigen bundesweite Bildungsuntersuchungen. Beim IQB-Bildungstrend 2021 lag der Anteil der Viertklässler, die den Mindeststandard im Lesen verfehlten, um sechs Prozentpunkte höher als fünf Jahre zuvor. Auch die durchschnittliche Lesekompetenz war gegenüber 2016 zurückgegangen.
Rudolph sieht deshalb insbesondere in der Vorschule und in den ersten Grundschuljahren Handlungsbedarf. Die Grundlagen des Lesens müssten früh gelegt und gefestigt werden. Trotz des Engagements vieler Lehrkräfte, Lerntherapeuten und ehrenamtlicher Lesepaten reiche die Förderung aus seiner Sicht häufig noch nicht aus.
Das Material ist unter www.der-lesekoch.de abrufbar.

