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Schulweg statt Elterntaxi: Fürther Experten raten zu mehr Selbstständigkeit

10. September 2026, 11:50 Uhr
Gemeinsam den Schulweg üben: Fachkräfte empfehlen, Kindern schrittweise mehr Selbstständigkeit zuzutrauen. (Foto: Symbolbild)Gemeinsam den Schulweg üben: Fachkräfte empfehlen, Kindern schrittweise mehr Selbstständigkeit zuzutrauen. (Foto: Symbolbild)

Wenn am Dienstag in Bayern die Schule wieder beginnt, startet für zahlreiche Erstklässler ein völlig neuer Alltag. Dazu gehört auch der tägliche Weg ins Klassenzimmer. Fachkräfte der Diakonie Fürth plädieren dafür, Kindern dabei schrittweise mehr Selbstständigkeit zuzutrauen.

«Der Schulweg ist viel mehr als die Strecke von zu Hause bis ins Klassenzimmer. Kinder lernen dabei, sich zu orientieren, Gefahren einzuschätzen, Entscheidungen zu treffen und zunehmend Verantwortung für sich selbst zu übernehmen», sagt Corinna Lippert, Diplom-Sozialpädagogin und Leiterin der Erziehungs-, Jugend- und Familienberatungsstelle der Diakonie für den Landkreis Fürth.

Nach Einschätzung der Beratungsstelle stärkt ein zunehmend selbstständig bewältigter Schulweg auch das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Hinzu kommen soziale Erfahrungen: Kinder treffen unterwegs andere Kinder, müssen Absprachen treffen, Regeln beachten und kleinere Konflikte lösen. Aufmerksamkeit, Rücksichtnahme und Kommunikation würden dabei im Alltag eingeübt.

Dem steht vor vielen Schulen ein bekanntes Bild gegenüber: Eltern fahren ihre Kinder mit dem Auto möglichst nahe bis an das Schulgebäude. Die Gründe reichen von Zeitdruck bis zur Sorge um die Sicherheit des Kindes. Doch gerade eine große Zahl sogenannter Elterntaxis kann rund um Schulen zusätzliche Gefahren verursachen. Der ADAC verweist auf Staus, riskante Wendemanöver, Halten in zweiter Reihe und unübersichtliche Situationen vor Schulgebäuden. Einer Umfrage der ADAC Stiftung aus dem Jahr 2025 zufolge legt rund jedes fünfte Grundschulkind seinen Schulweg überwiegend im Auto der Eltern zurück.

Auch die Deutsche Verkehrswacht spricht sich für möglichst selbstständige Schulwege aus. Voraussetzung sei allerdings, dass Kinder auf ihre Wege vorbereitet werden und die Verkehrsbedingungen dies zulassen. Die Verkehrswacht fordert unter anderem regelmäßige Schulwegtrainings, sichere Querungsstellen und Maßnahmen gegen problematischen Bring- und Holverkehr unmittelbar vor Schulen.

Die Fachkräfte der Diakonie warnen deshalb nicht vor elterlicher Fürsorge, sondern vor einem Missverständnis von Sicherheit. «Elterliche Sorge ist verständlich. Sicherheit entsteht aber nicht ausschließlich dadurch, dass wir Kinder vor Risiken schützen», sagt Lippert. Kinder benötigten altersgerechte Situationen, in denen sie feststellen könnten, dass sie selbst zurechtkommen.

Das bedeutet allerdings nicht, einen Schulanfänger vom ersten Tag an ohne Vorbereitung allein loszuschicken. Jennifer Inhof, Sozialpädagogin und Fachberaterin der Diakonie Fürth, empfiehlt, den Weg zunächst gemeinsam einzuüben. Dabei könnten sichere Strecken ausgewählt, schwierige Verkehrssituationen besprochen und Lösungen für unvorhergesehene Situationen vorbereitet werden. «So wächst Sicherheit Schritt für Schritt», sagt Inhof. Auch der ADAC empfiehlt, den Schulweg möglichst frühzeitig gemeinsam abzulaufen.

Entscheidend sei dabei nicht unbedingt die kürzeste Strecke. Ein etwas längerer Weg könne sinnvoller sein, wenn dort weniger Verkehr herrscht oder sichere Ampeln, Zebrastreifen und Mittelinseln vorhanden sind. Für einige Schulwege kommen auch Laufgemeinschaften infrage, bei denen mehrere Kinder gemeinsam unterwegs sind.

Zur Vorbereitung gehört aus Sicht der Diakonie außerdem der Umgang mit fremden Personen. Kinder könnten lernen, Abstand zu halten, deutlich Nein zu sagen und gezielt Hilfe zu suchen, etwa in einem Geschäft oder bei bekannten Familien in der Nachbarschaft. Dabei gehe es darum, Handlungsmöglichkeiten zu vermitteln, ohne Ängste zu schüren.

Zurückhaltung empfehlen die Fachkräfte auch bei der digitalen Überwachung. Smartphones und Tracking-Apps können Eltern zwar ein Gefühl von Sicherheit geben. Eine permanente Kontrolle könne dem Kind jedoch zugleich vermitteln, dass ihm ein selbstständiger Weg nicht zugetraut werde. «Vertrauen entsteht auch dadurch, dass Eltern etwas zutrauen und ein Stück Verantwortung abgeben», sagt Lippert.

Entscheidend bleibt deshalb der Einzelfall. Alter, Entwicklungsstand, Länge des Schulwegs und die konkrete Verkehrssituation müssen berücksichtigt werden. Nicht jedes Kind kann den gesamten Weg allein bewältigen. Wo die Bedingungen stimmen, bietet der Schulweg nach Einschätzung der Beratungsstelle jedoch einen selten gewordenen Freiraum, in dem Kinder Erfahrungen ohne unmittelbare Begleitung von Erwachsenen sammeln können.

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