Montag, 28. September 2026 07:59
Wetter wird geladen...

Sprachentwicklung bei Kindern: Fürther Logopädin erklärt wichtige Warnzeichen

28. September 2026, 07:59 Uhr ,
Patricia Pomnitz (links) und Dr. Nathalie Frey beschäftigen sich mit Sprachentwicklung und logopädischer Therapie bei Kindern. (Foto: Privat)Patricia Pomnitz (links) und Dr. Nathalie Frey beschäftigen sich mit Sprachentwicklung und logopädischer Therapie bei Kindern. (Foto: Privat)

Manche Kinder erzählen mit zwei Jahren bereits kleine Geschichten aus wenigen Wörtern. Andere sagen kaum etwas. Für Eltern kann dieser Unterschied verunsichernd sein: Braucht das Kind einfach noch Zeit? Oder steckt hinter dem späten Sprechen eine Störung, die behandelt werden sollte?

Für die Fürther Logopädin und Therapiewissenschaftlerin Patricia Pomnitz (Foto links) gehören solche Fragen zum Alltag. In ihrer Praxis Sprachgold in der Gustavstraße kommen Familien mit Kindern, die noch kaum sprechen, nur schwer verstanden werden oder Probleme damit haben, Wörter und Sätze richtig zu bilden. Gemeinsam mit der Logopädin Dr. Nathalie Frey (auf dem Foto rechts) beschäftigt sie sich seit Jahren mit der Frage, wann sprachliche Auffälligkeiten noch zur normalen Entwicklung gehören und wann genauer hingeschaut werden sollte.

Ihre Erfahrungen haben Pomnitz und Frey nun in einem Buch zusammengetragen. «Wie Worte wachsen» ist am 14. September im Herder Verlag erschienen. Auf 224 Seiten beschäftigen sich die Autorinnen unter anderem mit den einzelnen Schritten der Sprachentwicklung, Late Talkern, Sprachentwicklungsstörungen, Mehrsprachigkeit, Stottern und dem Ablauf einer logopädischen Therapie.

Anlass seien gerade jene Fragen gewesen, die Familien immer wieder stellen. Dazu zählen vermeintlich einfache Sätze wie «Jungen sprechen eben später», die Hoffnung, spätestens im Kindergarten werde sich alles von selbst geben, oder die Annahme, Logopädie bringe bei kleinen Kindern noch nichts.

Die zentrale Botschaft der Fürther Logopädin ist kein Aufruf dazu, jede Abweichung sofort als Krankheit zu behandeln. Sie plädiert vielmehr dafür, bei ernsthaften Zweifeln früh fachlichen Rat einzuholen.

«Früh zu schauen bedeutet nicht, ein Kind vorschnell zu problematisieren, sondern ihm rechtzeitig die Unterstützung zu geben, die es braucht», sagt Pomnitz. Und einen zweiten Gedanken hält sie für mindestens ebenso wichtig: «Sprache wächst in Beziehung.»

Allerdings: «In Fürth und Umgebung, aber auch deutschlandweit, erleben wir einen deutlichen Mangel an logopädischen Therapieplätzen», berichten Pomnitz und Frey gegenüber Fürth Aktuell. Praxen hätten lange Wartelisten, teilweise könnten neue Patienten nicht einmal mehr darauf aufgenommen werden. Familien warteten mitunter viele Monate oder länger.

Bei einem Erwachsenen mag ein halbes Jahr überschaubar erscheinen. Im Leben eines zwei- oder dreijährigen Kindes ist es dagegen eine lange Phase, in der sich Sprache rasant entwickelt.

Spricht ein Kind mit zwei Jahren weniger als 50 Wörter und verbindet noch keine zwei Wörter miteinander, etwa zu «Mama komm» oder «Ball da», wird von einem Late Talker gesprochen. Diese Grenze ist nicht nur ein Erfahrungswert aus der Fürther Praxis. Auch aktuelle staatliche Gesundheitsinformationen nennen weniger als 50 Wörter beziehungsweise fehlende Zweiwortsätze am Ende des zweiten Lebensjahres als möglichen Hinweis auf eine verzögerte Sprachentwicklung.

Das bedeutet noch nicht automatisch, dass das Kind eine dauerhaft bestehende Sprachentwicklungsstörung hat. Manche Late Talker holen ihren Rückstand auf. Pomnitz warnt jedoch davor, Auffälligkeiten grundsätzlich mit dem Satz abzutun, das werde sich schon auswachsen.

Eine frühe Untersuchung führe schließlich nicht automatisch zu einer Therapie. Sie könne genauso ergeben, dass zunächst Beobachtung oder eine Beratung der Familie ausreicht.

Daneben gibt es weitere Hinweise, bei denen genauer hingeschaut werden sollte. Dazu gehören ein deutlich eingeschränktes Sprachverständnis, eine für andere Menschen schwer verständliche Aussprache oder Auffälligkeiten beim Mundschluss und bei der Atmung. Reagiert ein Kind nicht richtig auf Geräusche, sollte außerdem das Gehör untersucht werden.

Das Hören ist eine wesentliche Grundlage der Sprachentwicklung. Hörprobleme können dazu führen, dass Sprachlaute nicht richtig wahrgenommen werden. Darauf weisen auch die aktuellen Informationen des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit hin.

Rund jedes zehnte Kind betroffen

Sprachentwicklungsstörungen sind keineswegs ein seltenes Phänomen. Die derzeit gültige medizinische S3-Leitlinie nennt eine Häufigkeit von insgesamt etwa 9,9 Prozent. Bei rund 7,4 bis 7,6 Prozent der Kinder liegt eine Sprachentwicklungsstörung ohne zusätzliche gravierende sprachrelevante Erkrankung vor.

Pomnitz und Frey beobachten auch Zusammenhänge mit der sozialen und emotionalen Entwicklung. Ein Kind, das sich nicht verständlich machen kann oder ständig missverstanden wird, könne schneller frustriert reagieren oder sich zurückziehen.

Wird Logopädie verordnet, steht am Anfang zunächst die Diagnostik. Untersucht werden je nach Auffälligkeit beispielsweise Wortschatz, Sprachverständnis, Grammatik, Aussprache und Mundmotorik. Daraus entsteht ein individueller Therapieplan. Die Arbeit mit Kindern wirkt dabei häufig spielerisch, basiert aber auf konkreten sprachtherapeutischen Zielen.

Zwei Sprachen sind nicht das Problem

Besonders häufig begegnet den beiden Logopädinnen nach eigener Aussage ein Missverständnis rund um mehrsprachig aufwachsende Kinder. Wenn ein Kind beispielsweise Deutsch und Türkisch, Rumänisch oder Ukrainisch miteinander vermischt, wird das mitunter vorschnell als sprachliches Problem wahrgenommen.

Auch das Wechseln zwischen Sprachen oder das Einbauen eines Wortes aus der jeweils anderen Sprache kann Bestandteil des normalen Spracherwerbs sein.

Nicht jedes Gespräch muss eine Übung sein

Bei der Förderung von Sprache geht es nach Ansicht Pomnitz‘ weniger um möglichst viele Übungen als um Kommunikation im Alltag. Vorlesen, erzählen, gemeinsam spielen, singen oder reimen schaffen Situationen, in denen Sprache entsteht.

Wenn ein Kind beispielsweise «da Hund» sagt, müsse es nicht aufgefordert werden, einen grammatikalisch vollständigen Satz nachzusprechen. Erwachsene könnten stattdessen antworten: «Ja, da läuft ein großer Hund.» Das Kind bekommt so das richtige sprachliche Modell zu hören, ohne dass aus dem Gespräch eine Prüfung wird.

Dauerndes Abfragen, ständiges Korrigieren oder Nachsprechenlassen hält Pomnitz dagegen für wenig hilfreich. Auch eine Sprachlern-App könne das Gespräch mit einem anderen Menschen nicht ersetzen.

Liegt eine tatsächliche Sprachentwicklungsstörung vor, genügt allgemeine Sprachförderung ebenfalls nicht als Ersatz für eine notwendige Therapie. Die medizinische Leitlinie sieht spezifische sprachtherapeutische und sprachbezogene Hilfen für betroffene Kinder vor.

Artikelaufrufe: …