Was bedeutet es heute, eine Frau zu sein? Wie viel von unserem Selbstbild ist echt, und wie viel ist nur eine Rolle, die wir gelernt haben zu spielen? Im „kultur.lokal.fürth“ gehen drei Kulturschaffende diesen Fragen ab dem 20. Februar 2026 auf den Grund. Mit ihrem transdisziplinären Projekt „Thief of Joy“ verwandeln Nina Bergler, Janina Czerwinski und Giulia Arezzi den Raum am Bahnhofplatz in ein Labor für Identität, Körper und Transformation.
Der Titel des Projekts, „Thief of Joy“ (Dieb der Freude), lässt aufhorchen. Oft wird der Vergleich mit anderen als der sicherste Weg beschrieben, die eigene Zufriedenheit zu verlieren. Doch den drei Macherinnen geht es um mehr als nur den individuellen Blick. Sie untersuchen strukturelle Fragen: Wie entsteht das Bild der Frau in uns, durch uns und um uns herum? Vom 20. Februar bis zum 1. März 2026 bespielen sie die Räumlichkeiten in der Fürther Innenstadt mit einer Mischung aus Physical Theatre, Installation und Performance. Dabei bleibt das Publikum nicht nur passiver Betrachter.
Der Ansatz ist ganzheitlich und verbindet die unterschiedlichen Disziplinen der drei Akteurinnen. Nina Bergler, Fachlehrerin für Gestaltung und seit 2024 Betreiberin eines offenen Ateliers, bringt ihre Expertise für Raum, Material und partizipative Formate ein. Die Schauspielerin und Theaterpädagogin Giulia Arezzi steuert den körperbasierten, performativen Aspekt bei. Janina Czerwinski, Masterstudentin der Kulturellen und Ästhetischen Bildung an der FAU Erlangen-Nürnberg, verknüpft diese Praxis mit wissenschaftlicher Forschung zu Geschlechterkonstruktionen und digitalen Medien.
Zentrales Element der zehn Tage ist die Idee, dass Kunst nicht im luftleeren Raum entsteht, sondern im Dialog. «Ziel ist es, subversive Räume des gemeinsamen Dialogs sowie der kulturellen Bildung zu eröffnen», heißt es in der Projektbeschreibung des Kulturamts Fürth. Dies geschieht vor allem durch ein umfangreiches Workshop-Programm, das die Grenzen zwischen Kunstwerk und Betrachter auflöst.
Die geplanten Workshops greifen klassische Rollenbilder auf und deuten sie um. So wird im Häkel-Workshop am 22. Februar unter dem Titel „Doing Filet“ traditionelle Handarbeit, die lange Zeit als rein weibliche Domäne galt, zu einem kollektiven Kunstprozess. Ein Porträt-Workshop widmet sich der Frage, wie wir uns selbst wahrnehmen und wie wir gesehen werden wollen – analog und digital. Im Collage-Workshop „Fragments“ geht es um das Zerschneiden und Neu-Zusammensetzen von Identitäten.
Besonders spannend ist der Umgang mit den Ergebnissen: Die in den Workshops entstehenden Objekte verschwinden nicht in den Taschen der Teilnehmer, sondern verbleiben im Raum. Sie werden Teil der Installation und fließen in die abschließende Performance ein. Damit erhalten die individuellen Ausdrucksformen der Besucher direkte Anerkennung und Sichtbarkeit im künstlerischen Gesamtwerk.
Neben der handwerklichen und körperlichen Auseinandersetzung – etwa im „Physical Theatre“-Workshop – bietet das Projekt auch Raum für theoretische Reflexion. Ein Dialogabend am 28. Februar stellt das Thema „Alternative Männlichkeit?!“ in den Mittelpunkt. Nach einem Impulsvortrag über internalisierte Misogynie (Frauenfeindlichkeit) und Rollenbilder ist eine offene Diskussionsrunde geplant.
Den performativen Höhepunkt bildet die Aufführung „Thief of Joy“ am Freitag, den 27. Februar, um 20 Uhr. Hier führen die drei Künstlerinnen die verschiedenen Fäden des Projekts zusammen. Der Eintritt zu allen Veranstaltungen ist frei, was dem Anspruch des kultur.lokal.fürth entspricht, niederschwellige Zugänge zu Kunst zu schaffen. Das Modellprojekt, unterstützt unter anderem vom Evangelischen Siedlungswerk (ESW) und der infra Fürth, hat sich zum Ziel gesetzt, Leerstände in der Innenstadt durch kulturelle Zwischennutzungen zu beleben und Künstlern aus der Metropolregion Sichtbarkeit zu verschaffen.
Das Projekt endet am 1. März mit einer Finissage im „Open Room“, bei der das Gesamtkunstwerk aus Performance-Resten und Workshop-Objekten noch einmal besichtigt werden kann.
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