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Alarmruf aus dem Rathaus: Fürther Oberbürgermeister kritisiert den Kurs der eigenen Partei

22. Februar 2026
Thomas Jung mit seiner Frau Heike nach der Aufstellung als Oberbürgermeisterkandidat zur Kommunalwahl 2026. Foto: SPD FürthThomas Jung mit seiner Frau Heike nach der Aufstellung als Oberbürgermeisterkandidat für die Kommunalwahl 2026. Foto: SPD Fürth

Seit mehr als zwei Jahrzehnten lenkt Thomas Jung die Geschicke der Stadt Fürth. Nun äußert der dienstälteste Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt fundamentale Kritik am aktuellen Kurs seiner Partei. In einem Gespräch mit dem Journalisten Christoph Lemmer für die Zeitung «Welt» plädiert der SPD-Politiker nachdrücklich dafür, dass sich die Sozialdemokratie wieder primär als Partei der Arbeit und nicht ausschließlich als Partei des Sozialstaats definieren müsse. Nur eine florierende Wirtschaft bilde das Fundament für soziale Leistungen.

Jung, der seit dem Jahr 2002 als Oberbürgermeister amtiert, blickt auf eine wirtschaftlich bewegte Stadtgeschichte zurück. Nach den Insolvenzen der Großunternehmen Grundig und Quelle vor rund 15 Jahren stand die Kommune vor massiven Herausforderungen. Damals fielen Tausende Arbeitsplätze weg. Heute zieht der Kommunalpolitiker jedoch eine positive Bilanz. Die Zahl der Arbeitsplätze in Fürth sei von einst 38.000 zur Quelle-Zeit auf nunmehr 51.000 angewachsen. Dieser Aufschwung sei maßgeblich durch die Umnutzung ehemaliger Liegenschaften der US-Streitkräfte gelungen. Von den insgesamt 280 Hektar freigewordener Fläche habe die Stadt fast 200 Hektar in Gewerbegebiete umgewandelt. Die Besiedlung dieser Areale verlief laut Jung weitgehend konfliktfrei, da man parallel zehn Hektar als Parkanlage ausgewiesen habe.

Trotz der wirtschaftlichen Erholung warnt der Oberbürgermeister vor einer akuten finanziellen Schieflage der Kommunen. Die Stadt Fürth konnte seit 2010 kontinuierlich Schulden abbauen und Rücklagen in Höhe von etwa 150 Millionen Euro bilden. Im aktuellen Jahr reichten die laufenden Einnahmen jedoch erstmals nicht mehr aus, um die laufenden Ausgaben zu decken. Die Stadt müsse knapp 20 Millionen Euro aus den Rücklagen entnehmen. Als Hauptursache für diese Entwicklung nennt Jung die stark gestiegenen Sozialkosten. Er verweist dabei explizit auf Ausgaben in der Jugendhilfe, der Grundsicherung für Senioren, Mietzuschüsse im Jobcenter sowie auf die Hilfen zur Pflege.

Vor diesem Hintergrund kritisiert der Oberbürgermeister die Überlegungen seiner Bundespartei zur Ausweitung des Sozialstaats. Jung argumentiert, dass stetig steigende Geldflüsse in die Sozialsysteme keine nachhaltige Problemlösung darstellten, sondern lediglich notwendige Strukturreformen verzögerten. Als positives historisches Beispiel hebt er den ehemaligen Bundesarbeitsminister Franz Müntefering hervor, der einst die Rente mit 67 durchsetzte. Jung, der selbst im Alter von 61 Jahren eine erneute Kandidatur anstrebt und angibt, bei entsprechender Gesundheit bis zum 70. Lebensjahr arbeiten zu wollen, fordert eine ehrliche Debatte über die Lebensarbeitszeit. Eine immer höhere Lebenserwartung bei gleichzeitig sinkendem Renteneintrittsalter sei ein Widerspruch. In diesem Zusammenhang kritisiert er auch die von der CSU initiierte Mütterrente sowie bestehende Regelungen, die einen vorzeitigen Renteneintritt für gesunde Beamte und Angestellte finanziell attraktiv machen.

Das Interview kann hier gelesen werden: https://www.welt.de/politik/deutschland/article698dfb3ee5712c6c773fef48/krise-der-sozialdemokratie-spd-muesste-eigentlich-mit-freude-das-recht-durchsetzen-das-bedeutet-sichere-grenzen.html