Wo Ermittler bereits für einen Franken-„Tatort“ auf Verbrecherjagd gingen oder Schauspieler für den Kinofilm „15 Jahre“ von Chris Kraus vor der Kamera standen, wohnt im Alltag eine Familie zwischen rohem Beton und großen Glasflächen. Das besondere Architektenwohnhaus in der Kreutleinstraße in Zirndorf war schon mehrfach als Filmkulisse zu sehen – doch seine eigentliche Bedeutung reicht weit über die Welt des Scheins hinaus. Der markante Sichtbetonbau aus den 1960er Jahren wurde offiziell in die Bayerische Denkmalliste aufgenommen.
Beton kann hart wirken. Kalt. Abweisend. In diesem Zirndorfer Haus erzählt er jedoch eine andere Geschichte. Das Gebäude öffnet sich mit großen Glasflächen zum Garten, klare Linien führen den Blick, und das Material wird bewusst nicht versteckt. Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege sieht darin ein authentisch erhaltenes Beispiel des Brutalismus und ein herausragendes bauliches Dokument dieser Architekturepoche.
Das Gebäude wurde 1965 nach den eigenen Plänen des Architekten Bernhard Heid errichtet. Heid, geboren 1930 und gestorben 2002, war in den 1960er Jahren bayernweit tätig. Sein eigenes Wohnhaus in Zirndorf gilt der Denkmalpflege als besonders anschauliches Beispiel für seine Architektur. Der Name Brutalismus leitet sich vom französischen Begriff «béton brut» ab, also roher Beton oder Sichtbeton.
Bei einem Besuch von “Fürth Aktuell” vor Ort zeigte sich schnell, dass das Haus weit mehr ist als eine markante Betonfassade. Wolfram Heid, heutiger Bewohner, Architekt und Sohn von Bernhard Heid, führte durch Räume, in denen die Idee des Hauses bis heute ablesbar ist. Nichts sollte verkleidet oder kaschiert werden. Beton, Holz, Glas und Naturstein bleiben sichtbar. Der Bau zeigt seine Konstruktion und macht gerade daraus seine ästhetische Kraft.
Die Filmgeschichte des Hauses in Zirndorf ist dabei mehr als eine Randnotiz. Nach Angaben von Wolfram Heid kamen für den «Tatort» rund 30 Personen ins Haus. Gedreht worden sei mehrere Tage lang, hinzu kamen Aufbau und Abbau. Für den Kinofilm «15 Jahre» sei das Haus später über mehrere Wochen Drehort gewesen. Die Familie habe die Arbeit der Filmteams als anstrengend, aber auch als sehr interessant erlebt, weil sichtbar geworden sei, wie ein Film entsteht.
Besonders auffällig ist in dem Haus die Betonrippendecke, die sich durch zentrale Bereiche des Hauses zieht. Nach Angaben von Wolfram Heid wurde eine solche Konstruktion in den 1960er Jahren vor allem in Industrie- und Schulbauten genutzt, weil sie große Spannweiten ermöglichte. In einem Wohnhaus sei sie ungewöhnlich. Er kenne selbst kein zweites Beispiel dieser Art, sagte er.
Diese Konstruktion hat Folgen für das Wohnen. Im Erdgeschoss öffnen sich große Glasflächen zum Garten. Wände und Stützen treten zurück. Der Garten wird Teil des Wohngefühls. Wolfram Heid beschrieb es so, dass man in diesem Haus eigentlich im Garten wohne. Auch der weit auskragende Balkon und die horizontalen Fensterbänder passen zu dieser Idee von Offenheit und klarer Gliederung.
Dass das Haus heute von Bäumen und Grün umgeben ist, war beim Bau noch nicht so. Nach den Erinnerungen von Wolfram Heid stand das Gebäude zunächst auf einem weitgehend freien Grundstück. In Zirndorf habe der Bau damals für Aufmerksamkeit gesorgt. Sichtbeton, große Spannweiten und eine offene Erdgeschosszone waren in einem Wohngebiet keine alltägliche Erscheinung.
Auch im Inneren ist die ursprüngliche Gestaltung weiterhin prägend. Silvia Heid, Ehefrau von Wolfram Heid und Bewohnerin des Hauses, sagte im Gespräch, dass sie sich anfangs ein solches Haus nicht ohne Weiteres habe vorstellen können. Sie sei eher von Altbauten und Stuckdecken geprägt gewesen. Inzwischen schätze sie die klaren Formen und die Ruhe, die das Gebäude ausstrahle. Der Sichtbeton sei nicht eintönig. In den Spuren der Holzschalung lasse sich viel entdecken.
Die Bayerische Denkmalpflege hebt an dem Zirndorfer Haus vor allem die konsequent durchkomponierte Wohnidee hervor. Gesamtplanung und baukünstlerische Details dokumentierten den Anspruch des Architekten Bernhard Heid. In der aktuellen Denkmalliste wird das Gebäude als zweigeschossiger Sichtbetonbau mit Flachdach im Stil des Brutalismus geführt.
Für Zirndorf und den Landkreis Fürth ist das Gebäude damit ein besonderer Neuzugang in der Denkmallandschaft. Es erzählt von einem Architekten, von einer Bauidee der 1960er Jahre, von Filmsets im eigenen Wohnzimmer und von einem Wohnhaus, das bis heute genutzt wird.
17.1°C | Bedeckt 
