Tausende Liter Wasser, meterhohe Fontänen und farbige Scheinwerfer: Als der Zirkus Blumenfeld im Mai 1914 in Fürth gastierte, verwandelte sich seine Manege in eine künstliche Nordseelandschaft. Während das Orchester spielte, füllten Mitarbeiter den Innenraum mit Wasser. Anschließend tanzten Artisten in Badebekleidung vor der Kulisse eines inszenierten Strandurlaubs. «Am Strand von Norderney» hieß das aufwendige Schauspiel, mit dem die jüdische Zirkusfamilie ihr Publikum begeisterte. Es war eine Zeit, in der große Wanderzirkusse mit immer spektakuläreren Vorstellungen um die Gunst der Zuschauer warben.
Heute erinnert das Jüdische Museum Franken an diese weitgehend vergessene Seite der Fürther Stadtgeschichte. Die Sonderausstellung «Hereinspaziert – Manege frei! Jüdische Zirkusdynastien im 19. und 20. Jahrhundert» zeichnet die Geschichte jener Familien nach, die mit Akrobatik, Tierdressuren und Zauberkunst durch Europa reisten. Mehrere von ihnen machten regelmäßig in Fürth Station, insbesondere während der Michaeliskirchweih. Ihre Geschichte erzählt von künstlerischem Erfolg, außergewöhnlichen Lebenswegen und schließlich von der Verfolgung durch die Nationalsozialisten.
Lange bevor die großen Zirkusunternehmen eigene weitläufige Gastspielplätze benötigten, gehörten reisende Artisten zum Bild der Fürther Kirchweih. Besonders der Königsplatz war ein beliebter Standort. Dort, nur wenige Schritte vom heutigen Museumsgebäude entfernt, errichteten Schausteller ihre Bühnen und Zelte.
Bereits 1844 und 1847 trat Adolph Strassburger mit seiner Künstlergesellschaft auf der Fürther Kirchweih auf. Zum Ensemble gehörten Akrobaten, der Zauberer Louis Bergherr und die Schwestern Adelheid und Regina Strassburger. Während Adelheid und Regina unter anderem mit Feuerkunst und Wahrsagerei auftraten, zeigte Adolph seine Balancierkünste. Zu den Höhepunkten gehörte eine vorgetäuschte Enthauptung im Rahmen einer Zaubervorstellung.
Regina Strassburger war zugleich als selbstständige Schaustellerin tätig. Auf dem Königsplatz verkaufte sie 1844 holländische Waffeln und Punsch. Die Familie verband damit artistische Darbietungen mit dem klassischen Kirchweihgeschäft. 1864 kehrte Adolph Strassburger mit einem Varieté-Theater nach Fürth zurück, diesmal auf den Hallplatz.
Eine weitere bedeutende Zirkusfamilie waren die Lorchs. Ihr Unternehmen gastierte 1877 auf der Michaeliskirchweih. Der Zirkus warb damals mit Gasbeleuchtung, wettergeschützten Vorstellungen und täglich drei Aufführungen mit wechselndem Programm.
Zum Unternehmen gehörten rund 50 Tiere, darunter Pferde, Ponys, Ziegen, Hunde und Affen. Kunstreiter präsentierten ihre Fähigkeiten auf dressierten Pferden, während Affen auf kleinen Ponys ritten. Dazu kamen Clowns, Ballett und Akrobatik. Auch Artisten des damals bekannten Zirkus Wulff wirkten mit.
Als die Brüder Adolf und Louis Lorch im September 1893 erneut nach Fürth kamen, hatte ihr Unternehmen bereits eine andere Größenordnung erreicht. Diesmal errichteten sie ein großes Zelt an der Nürnberger Straße gegenüber dem damaligen Weyrauthersgarten. Angereist war der Zirkus mit einem Sonderzug.
Während dieses Gastspiels ereignete sich eine besondere Familiengeschichte: Am 25. September 1893 wurde Feodora Lorch, die Tochter des Zirkusdirektors Adolf Lorch und seiner Frau Otilie Blume, in einem Zirkuswagen in Fürth geboren. Für die reisenden Artistenfamilien waren Arbeit, Familienleben und ständige Ortswechsel eng miteinander verbunden.
Auch der Zirkus Strassburger entwickelte sich zu einem der großen Unternehmen seiner Zeit. 1911 gastierte Direktor Adolf Strassburger mit seinem Zirkus in Fürth. Seine Frau Wilhelmine, die aus einer Artistenfamilie stammte, präsentierte eine Elefantendressur.
Die Vorbereitungen für den Auftritt sind bis heute dokumentiert. Bereits am 19. Dezember 1910 hatte sich Strassburger schriftlich an den Fürther Stadtmagistrat gewandt und um eine Spielerlaubnis sowie einen geeigneten Stellplatz für das folgende Jahr gebeten.
Der Brief ist eines der Exponate der aktuellen Ausstellung. Das aufwendig gestaltete Briefpapier zeigt den Zirkusdirektor, eine Pferdedressur mit Elefanten und das große Zirkuszelt mit seinem repräsentativen Eingang. Das Dokument aus dem Stadtarchiv Fürth vermittelt zugleich einen Eindruck davon, mit welchem Aufwand die Unternehmen ihre Gastspiele organisierten.
Der Zirkus Strassburger machte sich insbesondere mit Pferdedressuren einen Namen. Später gehörten auch Seelöwen zum Programm. Die Familie betrieb ein Unternehmen, das über mehrere Generationen hinweg zu den bekannten Großzirkussen Deutschlands zählte.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 begann für die jüdischen Zirkusfamilien eine Zeit systematischer Ausgrenzung und Verfolgung. Berufsverbote, antisemitische Boykotte und wirtschaftlicher Druck bedrohten die Unternehmen. Während einigen Familienmitgliedern die Flucht ins Ausland gelang, wurden andere deportiert und ermordet.
Der Zirkus Strassburger geriet früh ins Visier antisemitischer Kampagnen. Carl Strassburger verkaufte das Unternehmen 1935 und floh mit seiner Familie nach Belgien, wo er einen neuen Zirkus gründete. Sein Bruder Hans gelangte später nach Schweden. Hugo Strassburger und seine Angehörigen dagegen wurden nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Besonders eng mit Fürth verbunden ist das Schicksal von Lisette Blumenfeld-Gerausch, die 1914 mit ihrem Zirkus die aufwendige Wassershow präsentiert hatte. 1942 wurde sie in das Ghetto Theresienstadt deportiert, 1943 wurde sie in Auschwitz ermordet. Ihr Lebensgefährte Louis Blumenfeld starb bereits 1942 in Theresienstadt. Ihrem Sohn Leo gelang mit seiner Familie die Flucht in die Vereinigten Staaten.
Auch die Familie Lorch erlitt schwere Verluste. Mehrere Angehörige wurden ermordet, andere überlebten im Versteck. Zu ihnen gehörte die Artistin Irene Danner aus der Zirkusfamilie Lorch. Gemeinsam mit Angehörigen fand sie Schutz beim Zirkus Althoff. Dessen Direktor Adolf Althoff und seine Frau Maria versteckten sie vor der Gestapo.
Nach Kriegsende setzte Irene Danner ihre Laufbahn als Artistin fort. Sie heiratete den belgischen Clown Peter Bento-Storms. Auch ihre Kinder wuchsen später in der Zirkuswelt auf. Ihre Geschichte steht für das Überleben einer künstlerischen Tradition, die durch die nationalsozialistische Verfolgung beinahe ausgelöscht worden wäre.
Die Ausstellung in Fürth zeigt Fotografien, Plakate, Programmhefte, Ansichtskarten, Filmaufnahmen und persönliche Gegenstände aus dem Leben der Zirkusfamilien. Dazu gehören das Bühnenkostüm von Irene Danner sowie Clownschuhe, ein Filzhut und eine Handziehharmonika aus dem Umfeld von Peter Bento.
Mehrere Dokumente stammen aus dem Stadtarchiv Fürth. Neben dem Schreiben des Zirkus Strassburger von 1910 ist auch ein Programm des Zirkus Blumenfeld vom Gastspiel im Mai 1914 zu sehen. Ein historisches Werbeplakat erinnert an den Auftritt des Zirkus Strassburger im Jahr 1911.
Kuratorin Marina Heller berichtet auf Anfrage von Fürth Aktuell, dass die Ausstellung bereits auf Interesse stoße. Besonders während der diesjährigen Michaeliskirchweih sei der Besuch rege gewesen. Immer wieder kämen Menschen ins Museum, die eigene biografische Verbindungen zu den dargestellten Geschichten hätten.
Die Sonderausstellung ist noch bis zum 6. Dezember 2026 im Jüdischen Museum Franken in der Königstraße 89 zu sehen. Geöffnet ist regulär von Dienstag bis Sonntag zwischen 10 und 17 Uhr. Der Eintritt kostet sechs Euro, ermäßigt drei Euro. Kinder bis einschließlich 13 Jahre haben freien Eintritt.
Damit kehrt ein Teil jener Zirkusgeschichte an den Ort zurück, an dem einst die großen Zelte standen und die Vorstellungen das Fürther Kirchweihpublikum anzogen.

