Als ihr Mann starb, veränderte sich das Leben von Marita Hecker grundlegend. Sie hatte ihn jahrelang gepflegt. Plötzlich fehlten nicht nur der vertraute Mensch und die tägliche Verantwortung. «Jetzt hatte ich auf einmal ein riesengroßes Loch», beschreibt Hecker diese Zeit. Sie habe dieses Loch sinnvoll füllen, nicht nur trauern, sondern wieder nach vorne schauen und etwas zurückgeben wollen.
Eine neue Aufgabe fand sie bei Seniorpartner in School, kurz SiS. Nach einer Ausbildung zur ehrenamtlichen Schulmediatorin unterstützt sie momentan Kinder an der Maischule in Fürth. Einmal pro Woche verbringt sie dort einen Vormittag mit Grundschulkindern, die sich gestritten haben, körperlich aneinandergeraten sind oder sich missverstanden fühlen. Es ist wichtig, sagt sie, dass alle Schüler freiwillig zu den Mediatoren kommen.
Für Hecker ist diese Aufgabe weit mehr als eine Beschäftigung. Sie verbindet den Wunsch, Kindern etwas mitzugeben, mit der Erfahrung, selbst wieder Teil einer Gemeinschaft zu sein. Über eine Bekannte, die bereits als Mediatorin tätig war, hatte sie erstmals von SiS erfahren. «Dann habe ich mir gedacht, das schaue ich mir jetzt einmal an», erinnert sie sich.
Auch der Kontakt zur jüngeren Generation spielte bei ihrer Entscheidung eine wichtige Rolle. Ihr einziger Enkel sei bereits 20 Jahre alt und lebe in Ecuador. Der unmittelbare Austausch mit Kindern habe ihr gefehlt. Sie habe wissen wollen, «wie die so ticken», welche Sprache sie verwenden und was sie beschäftigt.
Die Ausbildung begann im Herbst 2025 und dauerte bis Weihnachten. Dabei lernte Hecker, wie Mediationsgespräche aufgebaut werden, wie sich festgefahrene Konflikte öffnen lassen und wie Kinder dabei unterstützt werden können, selbst eine Lösung zu finden. Hinzu kamen Hospitationen bei erfahrenen Schulmediatoren.
Bei Seniorpartner in School arbeiten die Mediatoren grundsätzlich zu zweit. Für ihre Gespräche steht ihnen ein eigener Raum, der „Raum der guten Lösung“, zur Verfügung. Für einen Termin sind in der Regel etwa 45 Minuten vorgesehen. Reicht dieses Gespräch nicht aus, kann ein weiterer Termin folgen.
Auf dem Pausenhof sind die Ehrenamtlichen an einem Schild zu erkennen. Eine freundlich blickende Zitrone steht für eine gelungene Verständigung, eine ärgerlich wirkende Variante signalisiert Gesprächsbedarf. Unter den Kindern werden sie deshalb auch als «Zitronenmenschen» bezeichnet. Manchmal kommen Schüler bereits in der Pause auf die Mediatoren zu, weil sie nicht mitspielen dürfen, geschubst wurden oder sich ungerecht behandelt fühlen.
Häufig geht es nach Heckers Erfahrungen um körperliche Auseinandersetzungen und Missverständnisse. Sie erinnert sich an einen Jungen, dem beim Essen ein Stück Käse an der Oberlippe hängen geblieben war. Als er versuchte, es mit der Zunge zu entfernen, glaubte ein anderer Schüler, dass ihm absichtlich die Zunge herausgestreckt werde. Er fühlte sich provoziert und schlug zu.
Das Beispiel zeigt, wie schnell eine alltägliche Situation eskalieren kann. In den Gesprächen sollen deshalb zunächst alle Beteiligten schildern, was sie wahrgenommen haben. Die Mediatoren hören zu, fragen nach und helfen den Kindern dabei, die Sicht des anderen zu verstehen.
Eine fertige Lösung dürfen sie ihnen jedoch nicht vorgeben. «Wir sollen die Kinder auf den Weg bringen, dass sie die Lösung selber finden», sagt Hecker. Die Schüler sollen gemeinsam überlegen, was sich ändern muss und welche Vereinbarung für beide Seiten tragbar ist. Im besten Fall verlassen sie den Raum mit dem Gefühl, den Streit aus eigener Kraft beigelegt zu haben.
Die Arbeit entlastet zugleich die Lehrkräfte. Im Schulalltag bleibt häufig nicht genügend Zeit, jeden Konflikt ausführlich mit allen Beteiligten zu besprechen. Hecker erlebe, dass die Unterstützung an der Schule willkommen sei. «Ich habe die größte Hochachtung vor den Lehrern und dem, was sie da leisten», sagt sie.
«Wir haben auch Kinder, bei denen wir es nicht schaffen», sagt sie. Bei regelmäßigen Stammtischen und Fortbildungen können die Mediatoren solche Erfahrungen besprechen und sich gegenseitig beraten.
Für das Ehrenamt brauche es vor allem Offenheit, Geduld und Empathie. Entscheidend sei die Bereitschaft, Kindern zuzuhören und die eigene Vorstellung von einer richtigen Lösung zunächst zurückzustellen. Die Ausbildung gebe dafür einen festen Rahmen, vollständig planen lasse sich ein Gespräch jedoch nie.
So können Senioren bei dem Projekt mitmachen
Anfang Oktober bis Mitte November beginnt in Nürnberg wieder eine neue Grundausbildung mit 4 Modulen in 12 Tagen. Wer Interesse hat, bei SiS mitzumachen, kann sich an Elfriede von Lüdinghausen wenden. Telefon: 0160 7864405 oder per Mail: e.von-luedinghausen@sis-bayern.de

