Auf den ersten Blick erzählt der Mais bereits die ganze Geschichte dieses Sommers. Dort, wo Pflanzen in guten Jahren mehrere Meter hoch wachsen können, stehen auf manchen Flächen rund um Cadolzburg derzeit Exemplare, die kaum einen halben Meter erreichen. Manche tragen überhaupt keinen Kolben. An anderen finden sich nur wenige Körner. Für Dieter Engelhardt vom Engelhardtshof ist das kein ungewöhnliches Detail am Feldrand, sondern ein wirtschaftliches Warnsignal.
Der Familienbetrieb in Cadolzburg besteht seit mehr als 300 Jahren. Engelhardt hält Milchkühe und baut unter anderem Weizen, Gerste, Zuckerrüben, Silomais und Raps an. Trockenheit hat der Landwirt schon öfter erlebt. 2003 und 2018 seien schwierige Jahre gewesen, auch aus den Erzählungen seines Großvaters kenne er extreme Trockenperioden. Doch in diesem Sommer kommen mehrere Probleme gleichzeitig zusammen: Hitze, Wassermangel, schwache Erträge und auf einzelnen Flächen zusätzlich Hagelschäden.
Weizen bringt nur den halben Ertrag
Bei früh geernteten Kulturen wie Gerste und Raps seien die Auswirkungen noch vergleichsweise überschaubar geblieben. Anders sehe es beim Weizen aus. Dort erreiche der Betrieb teilweise nur etwa die Hälfte einer normalen Ernte, berichtet Engelhardt. Gleichzeitig seien die Erzeugerpreise niedrig und die Kosten hoch. Unter dem Strich bedeute das für solche Flächen rote Zahlen.
Entscheidend sei heute der Weltmarkt. Deutsches Getreide konkurriere beispielsweise mit Ware aus der Ukraine und anderen Ländern, in denen landwirtschaftliche Betriebe unter deutlich anderen Bedingungen produzieren könnten. Engelhardt verweist dabei unter anderem auf geringere Kosten für Arbeitskraft und Energie sowie auf weniger strenge Vorgaben bei Düngung und Bewirtschaftung.

Deutsche Betriebe müssten dagegen zahlreiche Umwelt- und Dokumentationspflichten erfüllen. Ihre Flächen würden teilweise sogar satellitengestützt kontrolliert. Das verursache zusätzliche Kosten und schränke zugleich die Möglichkeiten ein, Pflanzen optimal zu versorgen. Gleichzeitig könnten ausländische Produzenten Getreide häufig günstiger anbieten. Selbst wenn die Ernte in Deutschland knapp ausfalle, steige deshalb der Preis für heimische Landwirte nicht automatisch. Für Betriebe wie den Engelhardtshof bedeutet das: weniger Ertrag, hohe Produktionskosten und trotzdem ein niedriger Verkaufspreis.
Drastisch ist die Situation beim Mais. Zu wenig Wasser während der Befruchtung und in der weiteren Entwicklung habe dazu geführt, dass kaum Masse und Energie in den Pflanzen steckten.
Auf besonders trockenen Flächen bleibt deshalb kaum eine Wahl: Der Mais muss geerntet werden, obwohl seine Entwicklung eigentlich noch nicht abgeschlossen ist. Nach Engelhardts Einschätzung hätte er mindestens noch mehrere Wochen mit ausreichend Wasser gebraucht.
Wird zu lange gewartet, trocknen die Pflanzen jedoch so stark aus, dass sie sich nicht mehr sinnvoll silieren und lagern lassen. Genau dieser Mais ist für Milchviehbetriebe besonders wichtig, weil er einen wesentlichen Teil des Futters für die Tiere liefert.
Auch Peter Köninger, Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes, beschreibt die Lage im Landkreis als stark angespannt. Bei Getreide seien die Erträge vielerorts deutlich unterdurchschnittlich geblieben. Noch größere Sorgen bereiteten ihm allerdings die Futterbaubetriebe. Dort gehe es inzwischen nicht mehr nur um einen schlechten Ertrag, sondern um die Frage, ob genügend Futter für den Winter vorhanden sein wird.
Auf manchen Flächen seien weniger als 50 Prozent eines normalen Ertrags zu erwarten, beim Mais teilweise nur 20 bis 30 Prozent. Das könne Betriebe zwingen, Futter teuer zuzukaufen oder den Tierbestand zu reduzieren.
Wiesen bleiben braun
Besonders sichtbar wird die Trockenheit auf den Wiesen. Normalerweise seien in der Region mehrere Schnitte im Jahr möglich. Nach Engelhardts Erfahrung wird Grünland häufig viermal gemäht. In diesem Jahr habe vielerorts der erste Schnitt noch funktioniert, der zweite sei bereits deutlich schwächer ausgefallen. Ein dritter Schnitt sei teilweise vollständig ausgeblieben.
Wer bereits das Futter dieses Jahres verfüttern müsse, könne deshalb im Winter in Schwierigkeiten geraten. Auch auf dem Engelhardtshof sind derzeit noch Futtervorräte vorhanden. Dadurch ist die Situation dort aktuell weniger angespannt als auf Betrieben, die bereits vollständig auf die diesjährige Ernte angewiesen sind.
Doch auch Vorsorge kostet Geld. Futter muss produziert, gelagert und erhalten werden. Bei länger gelagertem Futter seien zudem zusätzliche Ergänzungen nötig, weil Vitamine mit der Zeit verloren gingen.
Köninger bestätigt, dass nicht jeder Betrieb große Reserven anlegen kann. Ein Vorrat für einige Monate sei sinnvoll, doch wenn eine Ernte weitgehend ausfalle, reiche auch dieser irgendwann nicht mehr. Raufutter über größere Entfernungen heranzuschaffen, sei wegen der Transportkosten wirtschaftlich kaum attraktiv.
Kühe suchen lieber den Stall
Die wochenlange Hitze belastete nicht nur die Pflanzen. Auch für Rinder waren hohe Temperaturen ein Problem. Kühe kämen mit Temperaturen deutlich unter dem Gefrierpunkt häufig besser zurecht als mit großer Sommerhitze, erklärt Köninger. Ventilatoren, Kühlung und ausreichend Wasser seien deshalb in den Ställen besonders wichtig.
Selbst dort, wo Tiere Zugang zu einer Weide haben, blieben sie tagsüber häufig lieber im kühleren Stall. Erst am Abend, wenn die Sonne untergeht, würden sie wieder verstärkt nach draußen gehen. Schatten und ein angenehmes Stallklima seien bei solchen Temperaturen entscheidend.
Für die Landwirtschaft verschärft sich damit eine Situation, die Köninger nicht allein an der Niederschlagsmenge festmacht. Trockenjahre habe es auch früher gegeben. Heute komme jedoch eine höhere Durchschnittstemperatur hinzu. Dadurch verdunste mehr Wasser, und Trockenperioden wirkten sich stärker auf Pflanzen und Böden aus.
Regen könnte noch etwas retten
Für das Grünland wäre kräftiger Regen in den kommenden Wochen besonders wichtig. Selbst dann würden die Wiesen allerdings nicht sofort wieder ausreichend Futter liefern. Zunächst müssten sich die braunen Bestände erholen, danach brauche das Gras Zeit zum Wachsen.
Bleibt der Niederschlag aus, dürfte sich die Futterknappheit weiter verschärfen. Köninger hält es dann für wahrscheinlich, dass Betriebe zusätzliche Tiere abgeben. Auch Engelhardt rechnet damit, dass viele Kollegen ihre Bestände zumindest vorübergehend verkleinern könnten.
Auf dem Engelhardtshof besteht derzeit noch kein unmittelbarer Handlungsdruck, Tiere abzugeben. Wie sich die Situation entwickelt, hängt jedoch maßgeblich davon ab, wie viel Futter in den kommenden Wochen noch gewonnen werden kann. Auch Engelhardt blickt deshalb mit Sorge auf die weitere Entwicklung. Der Betrieb soll an die nächste Generation weitergegeben werden. Die Landwirtschaft sei für ihn nicht nur Erwerbsarbeit, sondern auch Verantwortung für einen Hof, den die Familie seit Jahrhunderten bewirtschaftet.

