Als der zweite Bus in Nürnberg eintrifft, ist es bereits drei Uhr in der Nacht. Seit fast zwei Tagen sind die Reisenden aus Belarus zu diesem Zeitpunkt unterwegs. Hinter ihnen liegen mehr als 1000 Kilometer, mehrere Zwischenstationen und stundenlange Kontrollen an der Grenze zu Polen. Erst nach insgesamt 46 Stunden können die Kinder, Jugendlichen und ihre Begleiter ihre Gastfamilien in der Stadt Stein und in umliegenden Orten in der Region begrüßen.
Dass sie diese lange Reise auf sich nehmen, hat seinen Ursprung in einer Katastrophe, die inzwischen 40 Jahre zurückliegt. Am 26. April 1986 explodierte ein Reaktor des Kernkraftwerks Tschernobyl in der damaligen Sowjetunion. Besonders stark betroffen waren neben der Ukraine große Gebiete des heutigen Belarus. Radioaktive Stoffe gelangten in Böden, Wälder und Lebensmittelketten. Bei Menschen, die damals als Kinder oder Jugendliche radioaktivem Jod ausgesetzt waren, wurde später insbesondere ein deutlicher Anstieg von Schilddrüsenkrebs festgestellt.
Als Reaktion auf die Katastrophe entstanden auch in Deutschland zahlreiche Hilfsinitiativen. Eine davon wurde 1992 in der evangelisch-lutherischen Paul-Gerhardt-Kirchengemeinde in Stein gegründet. Seit 1993 lädt die Initiative „Hilfe für Tschernobylkinder“ Kinder aus Belarus zu mehrwöchigen Erholungsaufenthalten in die Region ein.
Auch vier Jahrzehnte nach dem Reaktorunglück hält die Initiative an dem Projekt fest. Dabei geht es längst nicht nur um mögliche gesundheitliche Belastungen. Die Aufenthalte sollen Kindern und Jugendlichen aus Familien mit schwierigen Lebensbedingungen Ferien ermöglichen, ihnen eine abwechslungsreiche Ernährung bieten und dauerhafte Verbindungen zwischen Menschen in Deutschland und Belarus schaffen.

„Wir möchten den Gästen Ferien vom Alltag ermöglichen“, sagt Organisatorin Karin Schaepe. Zugleich gehe es darum, Freundschaften zwischen beiden Ländern aufrechtzuerhalten. Das sei in der heutigen politischen Lage nicht mehr selbstverständlich.
In diesem Sommer verbringen 20 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene aus Belarus vier Wochen bei Familien in Stein und weiteren Orten der Region. Begleitet werden sie von vier Erwachsenen. Einige der jungen Teilnehmer waren bereits als Kinder bei ihren heutigen Gastfamilien und kehren nun erneut zurück.
Die Gäste kommen aus Kritschew, Mozyr, Jelsk und Dobryn. Einige der jungen Erwachsenen waren bereits als Kinder bei ihren heutigen Gastfamilien und nehmen nun erneut an dem Aufenthalt teil. Ursprünglich sollte die Gruppe größer sein. Mehrere Kinder konnten nach Angaben von Organisatorin Karin Schaepe jedoch nicht mitreisen.
Ein Junge habe wegen anstehender Prüfungen seinen Reisepass benötigt und deshalb kein Visum beantragen können. Ein Mädchen habe sich für ein Studium an einer Militärhochschule entschieden, weshalb für sie keine Auslandsreisen mehr erlaubt seien. Vier achtjährige Mädchen hätten ebenfalls kurzfristig absagen müssen. Nach den geltenden Bestimmungen hätten sie nur in Begleitung ihrer Eltern ausreisen dürfen.
Die Teilnehmer machten sich am Freitag, 10. Juli, um fünf Uhr morgens an ihren jeweiligen Wohnorten auf den Weg. Aus organisatorischen Gründen wurde die Reisegruppe geteilt. Von Minsk aus fuhren die Gäste in zwei unterschiedlichen Bussen zum Zentralen Omnibusbahnhof nach Nürnberg.
Die erste Gruppe erreichte Nürnberg nach rund 34 Stunden und mit viereinhalb Stunden Verspätung. Die zweite Gruppe war insgesamt etwa 46 Stunden unterwegs und traf erst am frühen Morgen des 12. Juli ein. Grund für die Verzögerungen seien vor allem die langen Grenzkontrollen zwischen Belarus und Polen gewesen.
Nach Schaepes Angaben prüfen die belarussischen Behörden die Ausreisedokumente inzwischen besonders genau. Die Reisenden müssten beantworten, wohin sie fahren, wie lange sie bleiben und wann sie zurückkehren wollen, obwohl diese Angaben bereits in den Dokumenten enthalten seien.
Die Organisation der Aufenthalte ist nach Schaepes Einschätzung in den vergangenen Jahren schwieriger geworden. Sie verweist auf die politische Entwicklung in Belarus, internationale Sanktionen und die Folgen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine.

Die Erholungsaufenthalte entstanden Anfang der 1990er-Jahre vor dem Hintergrund der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Die heutigen Gäste wurden erst lange nach der Katastrophe geboren. Ein konkreter gesundheitlicher Zusammenhang zwischen einzelnen Beschwerden der Teilnehmer und dem Reaktorunglück lässt sich deshalb nicht ohne medizinische Untersuchungen herstellen. Solche Untersuchungen führt die Steiner Initiative während des Aufenthalts aber nicht durch.
Schaepe berichtet jedoch, dass die Kinder häufig aus Regionen und Familien kämen, in denen die Folgen der Katastrophe und wirtschaftliche Schwierigkeiten bis heute zum Alltag gehörten. Die Familien äßen vielfach das, was vor Ort angebaut werde. Der Aufenthalt in Deutschland solle den Kindern deshalb Erholung, abwechslungsreiche Mahlzeiten und Abstand von ihrem Alltag ermöglichen.
Untergebracht sind die Gäste bei insgesamt 19 Familien. Diese kommen aus Stein, Zirndorf, Roßtal, Fürth, Nürnberg, Schwabach, Wendelstein, Herzogenaurach, Neustadt an der Aisch, Obernzenn und Straubing. Einige Familien haben zwei Kinder aufgenommen.
Die Verständigung funktioniert nach Schaepes Erfahrung auch ohne gemeinsame Sprache. Viele Familien nutzen Übersetzungsprogramme auf dem Smartphone. Daneben helfe die Verständigung mit Gesten. Bei Schwierigkeiten könnten jederzeit die vier Begleitpersonen hinzugezogen werden.
Neue Gastfamilien zu finden, sei seit der Corona-Pandemie allerdings schwieriger geworden. Bis 2019 habe die Initiative in manchen Jahren Aufenthalte für rund 100 Kinder organisiert. Die anschließende vierjährige Unterbrechung habe bestehende Strukturen geschwächt.
Interessierte Familien für den Sommer 2027 können sich bereits bei der Initiative melden. Eine verbindliche Entscheidung sei spätestens im Februar notwendig, damit genügend Zeit für die Visaverfahren bleibe.
Während des vierwöchigen Aufenthalts steht für die Kinder und Jugendlichen ein umfangreiches Programm auf dem Plan. Vorgesehen sind unter anderem Besuche im Playmobil-FunPark, im Nürnberger Tiergarten, im Freizeitbad Palm Beach und im Legoland in Günzburg.
Im Jugendhaus Stein ist zudem ein Pizzaessen mit dem Ersten Bürgermeister Bertram Höfer geplant. Den Eintritt in den Playmobil-FunPark habe die Sparkasse Fürth übernommen. Die gemeinsamen Veranstaltungen seien Angebote und keine Pflichttermine. Die Gastfamilien könnten ihre Zeit mit den Kindern auch individuell gestalten.
Die Initiative will den Gästen vor allem Abstand von ihrem Alltag ermöglichen. Dazu gehören nach Schaepes Worten Erholung, abwechslungsreiche Unternehmungen und eine ausgewogene Ernährung. Zugleich sollen Freundschaften zwischen Menschen aus Deutschland und Belarus entstehen oder weitergeführt werden.
Die Kinder stammen häufig aus kinderreichen Familien oder Haushalten Alleinerziehender. Es gehe um Familien, die sich um ihre Kinder kümmerten, deren Lebensumstände jedoch schwierig seien.
Finanziert wird der Kindersommer ausschließlich durch Spenden. Für die diesjährige Gruppe rechnet die Initiative nach Angaben Schaepes mit Kosten von etwa 10.000 Euro. Darin enthalten seien unter anderem die Reise, Versicherungen und gemeinsame Veranstaltungen.
Die Geschichte der Steiner Initiative reicht bis in das Jahr 1992 zurück. Ein Jahr später kamen erstmals neun Kinder zu sieben Familien nach Stein. Schaepe und ihre Familie beteiligten sich seit 1994. Zunächst organisierte sie die Aufenthalte gemeinsam mit der Gründerin Krista Kurig. Als diese sechs Jahre später wegzog, führte Schaepe die Arbeit fort.
Auch das damalige Gastkind ihrer eigenen Familie hält bis heute Kontakt. Es war beim ersten Besuch acht Jahre alt und ist inzwischen 40. Solche langfristigen Beziehungen seien für sie ein wesentlicher Grund, das Projekt weiterzuführen.
„Motivation ist die Freude der Kinder, hier zu sein, Kinder auf ihrem Lebensweg zu begleiten und zu sehen, wie Freundschaften zwischen Gastfamilien und Gastkindern entstehen“, sagt Schaepe. Die Aufenthalte seien für sie zugleich „ein Teil Friedensarbeit in der heutigen Zeit“.
Am Sonntag, 19. Juli, kommen die Gäste, ihre Gastfamilien und die Kirchengemeinde zu einem gemeinsamen Familiengottesdienst zusammen. Er beginnt um 11 Uhr in der Paul-Gerhardt-Kirche an der Schillerstraße 19 in Stein-Deutenbach.
Der Gottesdienst wird in deutscher und russischer Sprache gestaltet. Anschließend treffen sich die Gastfamilien und ihre Gäste zu einem gemeinsamen Mittagessen im Biergarten.

