An der Hauptstraße von Wilhermsdorf ist ein Stück Vergangenheit aufgetaucht, das sehr lange verborgen war. Auf der Baustelle des örtlichen Diakonievereins haben Archäologen die Reste eines Grubenhauses entdeckt. Der Fund zeigt, dass der Ort wohl schon früher besiedelt war, als es die erste bekannte Urkunde aus dem Jahr 1096 belegt.
Für den mit der Grabung beauftragten Archäologen Dr. Thomas Liebert begann der Fund mit Bodenverfärbungen, Pfostenlöchern und Mauerresten im westlichen Bereich der Baustelle. Was für Laien zunächst kaum lesbar ist, ergibt für Fachleute ein Bild: In der Nordwestecke des Baufeldes fanden sich die Reste eines Grubenhauses. Solche Bauten waren in dieser Region keine Wohnhäuser, sondern dienten nach Lieberts Angaben vor allem handwerklichen Tätigkeiten oder der Lagerung.
Für ein derartige Gebäude wurden seinerzeit typischerweise rechteckige Gruben ausgehoben, darüber standen Pfosten, darauf lag ein Dach. Außerdem fand Liebert Keramik und Knochen. Gerade die Keramikstücke sind entscheidend, weil damit das Alter der Funde sehr gut bestimmt werden kann.
Liebert sagte gegenüber Fürth Aktuell, die bisher gewaschene Keramik führe „locker ins 10. Jahrhundert hinein“. Damit läge der Befund deutlich vor der schriftlichen Ersterwähnung des Ortes. Ob einzelne Funde sogar noch älter sein könnten, soll erst die weitere Untersuchung zeigen.
Dr. Christoph Lobinger vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege ordnet den Fund ähnlich ein. Der Gebietsreferent Bodendenkmalpflege an der Dienststelle Nürnberg bezeichnete ihn im Gespräch mit Fürth Aktuell als „sehr wichtig für die Ortsgeschichte“. Der Befund zeige, dass Wilhermsdorf schon vor der ersten Erwähnung besiedelt gewesen sei. Zugleich sei der Fund für die Denkmalpflege interessant, weil es im historischen Ortskern bislang nur wenige Untersuchungen gegeben habe.
Im Bereich des Schlosses hatte es nach Lobingers Angaben 2022 eine Voruntersuchung gegeben. Auch bei Arbeiten in der Hauptstraße 40 seien ältere Vorgängerbauten und Pfostenstandspuren festgestellt worden. Der neue Fund verstärkt nun den Hinweis, dass im alten Ortskern weitere archäologische Spuren im Boden liegen könnten.
Liebert, der auch Kreisgeimatpfleger ist, beschreibt die Arbeit auf solchen Baustellen als hochkonzentrierten Moment. Archäologen stehen dabei direkt an der Baggerschaufel und beobachten, was im Boden sichtbar wird. In Sekunden muss entschieden werden, ob weiter gebaggert werden kann oder ob ein Befund von Hand freigelegt werden muss. Das sei besonders schwierig in gewachsenen Ortskernen, wo sich Spuren aus vielen Jahrhunderten überlagern können.
Für den Diakonieverein Wilhermsdorf war die Entdeckung ebenfalls eine Überraschung. Die archäologische Begleitung war bereits Teil der Baugenehmigung. Zunächst sei eine Stadtmauer vermutet worden, sagte Vorstandsmitglied Udo Zill. Gefunden wurden nun Spuren des Grubenhauses.
Für den Bauherrn blieb die Situation handhabbar, weil der Fund im Verhältnis zur gesamten Fläche überschaubar war. Die Zusammenarbeit mit den Fachleuten sei gut verlaufen, so Zill.
Er erklärte, ursprünglich sei auf dem Grundstück eine Tagespflege geplant gewesen. Weil dafür keine ausreichende Förderung zustande kam, wurde umgeplant. Nun sollen im Erdgeschoss Arztpraxen entstehen, darüber sechs barrierefreie Wohnungen mit Aufzug. Bezugsfertig sein soll das Gebäude nach derzeitiger Hoffnung in etwa eineinhalb Jahren.
Doch schon jetzt hat die Baugrube in der Hauptstraße eine neue Frage aufgeworfen: Wie viel ältere Geschichte steckt noch unter dem heutigen Ortskern?
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